Panopticon – Rauminstallation in einem ehemaligen Gefängnis in Kassel – im Rahmen der documenta 13

Die architektonische Funktion eines Gefängnisses dient der physischen Verwahrung straffällig gewordener Bürger. Da die Architektur für diese Funktionserfüllung nur die räumliche Hülle schaffen kann, ist die wichtigste Aufgabe innerhalb des Gefängnisses: die Überwachung seiner Insassen. Bereits mit dem Einsetzen der Industrialisierung am Anfang des 19. Jh. machte man sich im Rahmen einer neu entstehenden Typologie der Gefängnisbauten Gedanken über die optimal Lösung des Prozesses der Überwachung. Der britische Philosophen Jeremy Bentham (1748-1832) entwickelte hierfür die Panopticon-Methode, bei der das gesamte Gefängnis durch einen mittig stehenden Turm überwacht werden konnte. Turm und Aufseher waren in dieser Form omipräsent. Das Gefängnis in Kassel besitzt keinen zentralen Turm in diesem Sinne, aber das Prinzip der Überwachung war auch hier allgegenwärtig.

Aus diesem Prinzip der Überwachung, das in unserer Gesellschaft auf vielfältige Weise ständig an Relevanz gewinnt, wurde hier ein räumliches Konzept entwickelt: Im Zentrum der drei Freiganghöfe wird ein Turm aus Spiegeln errichtet. Dabei sind die Spiegel Standartprodukte aus der Verkehrsüberwachung und somit in ihrer Funktion dem Betrachter durchaus geläufig. Einige  genau dieser Spiegel sind ja bereits in einigen Ecken der Höfe in geringer Stückzahl vorhanden.

Die neuen Spiegel werden zentral gebündelt und zu einem Überwachungsturm transformiert. Das Prinzip des Panopticon findet hier eine materielle Neuinterpretation – es ist jetzt nicht mehr ein allmächtiger Aufseher im Turm, der alles andere im Blick hat, sondern jeder einzelner Besucher in den Höfen wird zum Betrachter, zum Beobachtenden und gleichzeitig zum Beobachteten. Der eigentliche Raum der Höfe wird so in den „Spiegelfacetten“ erweitert und verzerrt. Er verändert sich für den Besucher bei jedem Schritt, da er sich immer im realen Raum und im sich ständig veränderndem Spiegelraum befindet,  Er ist Akteur und Beobachter zugleich und kann sich dem unterschwelligen Gefühl der Überwachung oder des Überwacht seins nicht entziehen.

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